68. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung – Gedenken am 27. Januar 2013

Am 27.01.2013 versammelten sich gegen 18.00 Uhr ca. 80 Antifaschist_innen, um der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 68 Jahren zu gedenken. Dabei wurden zwei Redebeiträge verlesen, die vor allem die staatliche Gedenkpolitik kritisierten und eine antifaschistische Intervention heute einforderten. Aufgerufen zu der Kundgebung hatte ein breites Bündnis Potsdamer Antifagruppen. Bereits in den letzten Wochen fand in Erinnerung und Auseinandersetzung an die Auschwitzbefreiung eine Veranstaltungsreihe mit dem Namen „Vergessen ist die Erlaubnis zur Wiederholung“ statt. (http://auschwitzgedenkenpotsdam.blogsport.eu)

von Primo Levi:

Ist das ein Mensch?

Ihr, die ihr gesichert lebet
in behaglicher Wohnung,
Ihr, die ihr abends beim Heimkehren
Wärme, Speise findet und vertraute Gesichter:
Denket, ob dies ein Mann sei,
Der schuftet im Schlamm,
Der Frieden nicht kennt,
Der kämpft um ein halbes Brot,
Der stirbt auf ein Ja oder Nein.
Denket, ob diese eine Frau sei.
Die kein Haar mehr hat und keinen Namen,
Die zum Erinnern keine Kraft mehr hat,
Leer die Augen und kalt ihr Schoß
Wie im Winter die Kröte.
Denket, dass solches gewesen.
Es sollen sein, diese Worte in eurem Herzen.
Ihr sollt über sie sinnen, wenn ihr sitzet
In einem Hause, wenn ihr geht auf euren Wegen,
Wenn ihr euch niederlegt und wenn ihr aufsteht;
Ihr sollt sie einschärfen euern Kindern.
Oder eure Wohnstatt soll zerbrechen,
Krankheit soll euch niederringen,
Eure Kinder sollen das Antlitz von euch wenden.

Redebeitrag der [a] alp:

Über ein halbes Jahrhundert ist mittlerweile die Befreiung des größten Konzentrationslagers Auschwitz her. Alle, die wir hier stehen haben unser Wissen darüber aus Büchern, dem Internet oder Filmen. Einige wenige hatten noch das Privileg aus erster Hand, von Zeitzeug_innen, über die Ereignisse damals informiert zu werden. Doch das ist bald vorbei. Augenzeug_innen der Verbrechen Nazideutschlands und seiner Verbündeten wird es schon in wenigen Jahren nicht mehr geben.
Doch wer soll dann Zeugnis ablegen, wer soll mahnen, wer soll Verantwortung übernehmen?
Über Jahrzehnte haben die Betroffenen der Naziherrschaft Aufklärungsarbeit geleistet, haben ihre persönlichen Geschichten erzählt und haben somit die Zeit nach Ihnen vorbereitet. -getrieben von der Angst vor dem Vergessen und der Verantwortung gegenüber den Ermordeten. UNSER OPFER UNSER KAMPF, GEGEN FASCHISMUS UND KRIEG, DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG UND ZUR VERPFLICHTUNG lautet die Inschrift dieses Mahnmals, die uns erinnern soll, dass es nun an uns ist das Gedenken wach zu halten und zu mahnen, Ihre Geschichten und Gedanken an andere weiterzugeben.
Der offizielle Gedenkdiskurs zeigt deutlich die Notwendigkeit politischer Interventionen auf. So wurde z.B. nach immerhin über 60 Jahren im letzten Jahr ein Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin fertig gestellt, doch schon einen Tag danach hetzte der deutsche Innenminister aus Angst vor einer steigenden Immigration wieder gegen sie. Auch die Auseinandersetzung der Behörden und vor allem ihre Verstrickung in Terror und Morde des NSU lassen keinen Zweifel an der politischen Ausrichtung Deutschlands.
Die in den 90er Jahren entstandene Terrorgruppe zeigt beispielhaft wie über Jahrzehnte rechte Strukturen durch den Staat unbeachtet blieben oder sogar gefördert wurden. Dies hatte zur Folge, dass in einigen Regionen z.B. in Sachsen, Mecklenburg aber auch im Großraum Dortmund Nazis über lange Zeit eine Hegemonie politisch, kulturell und auf der Straße aufbauen konnten. Antifaschistische Interventionen, vor allem die Erfolgreichen, werden hingegen bis heute kriminalisiert. Die §129a Verfahren gegen antifaschistische Gruppen in den 90er Jahren, aber auch heute noch gegen Antifas, sind Sinnbild für eine Gesellschaft die sich von Anfang an gegen einen Auseinandersetzung mit seiner Nazivergangenheit gewehrt hat. Wenn heute Firmen oder verschiedene Ministerien bezüglich ihrer Geschichte in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts forschen lassen ist dies zwar löblich doch auch schon 60 Jahre überfällig.
Daher muss eine antifaschistische Bewegung das Gedenken an die Opfer und Betroffenen der Nazibarbarei immer mit einer gesellschaftlichen Intervention gegen Nazismus und seine Ursachen verbinden.
Und diese liegen in der kapitalistischen Gesellschaft und Ihren Ausschlussmechanismen. Gerade deshalb reichen Versatzstücke nazistischen Gedankengutes wie Antisemitismus, Rassismus, Sexismus und Nationalismus bis weit in die bürgerliche Gesellschaft hinein.
Somit muss eine antifaschistische Bewegung auch in Zukunft sich an dem Ziel messen lassen nicht nur Nazis zu bekämpfen sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.
Gedenken an die Toten von damals, Nazis unmöglich machen, Analyse von und Intervention gegen die bestehenden Verhältnisse!
Antifa heißt Angriff!